2019 - Rauszeit Agentur GmbH / Basel / Schweiz

Auszeit Interview mit Pascale Hoffmann

Wie kam die Idee einer Auszeit?

Wie, wo und warum die Idee kam, weiss ich nicht mehr genau, aber als ich meine Arbeitsstelle (50%) per Ende August 2019 mit 2 Monaten Überzeit kündigte, wusste ich sofort, dass jetzt der Moment für die Auszeit gekommen war!

 

Wo hast du die Auszeit verbracht?

Ursprünglich wollte ich 2 Monate auf einer Alp auf 1500 im Kt. Vaud bleiben und Etivaz Käse herstellen – die Arbeit war aber so streng, dass ich auf einen Monat (Juli) abkürzte, um meine Gesundheit nicht zu schädigen und so verbrachte ich den zweiten Teil (August) – im Chalet meiner Cousine oberhalb von Chur, auf 1000 m.  

 

Auf der Alp: früh morgens aufstehen, Kühe in den Stall treiben, Schwänze anbinden, die Tiere spüren und riechen, vom Glockengebimmel im Stall eingelullt werden, sehen, wie die Sonne aufgeht, Milchkessel schleppen, erfahren, wie Käse hergestellt wird, mit Kräutern von der Wiese kochen, mein Französisch «améliorer», Hermeline beobachten, Wäsche aufhängen, Milchgeschirr rüsten, jede freie Minute auskosten, Niedle «schläcke» und Abends todmüde ins Bett sinken – eine körperlich sehr schwere aber unvergesslich schöne Zeit.

 

Im Chalet: morgens mit einer Tasse Kaffee, bei jedem Wetter vor dem Chalet sitzend in den Tag starten, beobachten, wie der Nebel über die Berge schleicht oder die Sonne aufgeht, Rasen mähen, Schnecken auf ihrer langsamen Wanderung beobachten, Kräutergarten anlegen, Lavendel schneiden, Bänkli herstellen, wandern, schlafen, auf dem Bauernmarkt einkaufen, Älpler besuchen, geniessen, SEIN – auch hier viel körperliche Arbeit aber auch viel Schlaf. Einen ganzen Monat in einem Haus leben zu können, welches meine Grosseltern gebaut haben, liess mich in schöne alte Geschichten eintauchen.

 

Wie lange war die Auszeit?

2 Monate: Juli und August 2019

 

Konntest du einfach wieder in den Beruf einsteigen?

Da ich neben meiner Anstellung auch Selbständig tätig bin, hatte ich mit der Zeitwahl doppeltes Glück:

  • Ich habe die Yogakurse nach den offiziellen Schulferien nur 3 x ausfallen lassen müssen

  • Einen Vertrag für die neue Arbeitsstelle ab September hatte ich bereits in der Tasche!

 

Rückblickend, was hat dir die Auszeit gebracht?

Eine neue Erfahrung an Einfachheit und körperlicher Arbeit und ein ganz neuer Kontakt zu Tieren! 

Ganz viel Respekt gegenüber den Menschen die auf einer Alp Käse herstellen und gegenüber den Bauern, die unter den schwierigsten Bedingungen ihre Felder bestellen müssen. 

Dank dem zweiten ungeplanten Teil, konnte ich auch in herrliche, alte Familiengeschichten eintauchen und habe neue Freundschaften geschlossen.

Zwei Monate kein WLAN, ganz wenige Mails, wenig Handy dafür viel Natur und jede Menge Wetter! Das war wunderschön und hat mir unsere Abhängigkeit und Schnelllebigkeit vor Augen geführt.

Das Bewusstsein, dass mir körperliche Arbeit, z.B. Schreinerei oder Gärtner, sehr viel Freude bereitet!

 

Was würdest du anders tun?

Ich war etwas «blauäugig», was das Älplerleben anbelangt – in meinem Kopf die romantischen Bilder und der Satz «das werde ich schon schaffen»!

Die Romantik habe ich abgelegt – auch würde ich vor dem nächsten Älplerleben, erst mal zu Hause körperlich arbeiten: Wasserkannen für die Blumen tragen und im Garten arbeiten.

Ich weiss nun auch, dass ich nur einen ganzen Alpsommer machen kann, wenn ich danach (im September) nicht arbeiten muss, damit ich mich erholen könnte! Da dies aber in den nächsten Jahren wohl eher nicht der Fall sein wird, beschränke ich mich eher auf ein bis zwei Wochen Mithilfe – allerdings nur noch bei Menschen, die ich «kenne».

 

Wie konntest du sie dir finanzieren?

Ich benötigte für das Leben auf der Alp lediglich zwei paar Arbeitshosen, eine ¾- und eine kurze Hose, Gummistiefel, Turnschuhe, ein paar T-Shirts, einen Faserpelz, eine Regenjacke und einen kleinen Wanderrucksack – und genau dieselbe Kleidung hatte ich dann auch im Chalet – das hat alles nicht viel gekostet!

Für das Kost und Logis war auf der Alp gesorgt und im Chalet habe ich so viel gearbeitet, dass meine Cousine nichts mehr wollte. Zudem hatte ich ja in diesen beiden 2 Monaten auch meinen Lohn der 50% Anstellung.

 

Gab es organisatorische Herausforderungen?

Eine Alp zu finden ist nicht ganz einfach. Zum Glück hatte mein Mann eine Arbeitskollegin, die mir ihre Verwandten vermitteln konnte. Nach einem Treffen im Januar waren wir alle «guten Mutes» und haben vereinbart, dass ich im Juni schon mal hoch gehe, um alles auch vor Ort zu sehen. Das hat alles gepasst.

Als ich dann aber meine Auszeit auf der Alp abrechen wollte, war die grösste Herausforderung, wie komme ich zum Schlüssel des Chalets? Aber auch das konnten wir regeln, ohne dass ich erst nach Hause fahren musste und so fuhr ich vom Kt. Vaud direkt in den Kt. Graubünden!

Selbständigkeit: Da ich meine Auszeit bewusst in die Schul-Sommerferien gelegt habe, musste ich meine Yoga-Teilnehmer auch nur darüber informieren, dass der Kurs statt Mitte August erst Anfang September wieder anfängt.

 

 

...und was wolltest Du uns sonst noch mitteilen?

Ich bin sehr dankbar für diese zwei Monate.

Es ist der Augenblick, der das Leben so einmalig, überraschend, wunderbar, entzückend, schön und einzigartig macht.

Vielen Dank Pascale für das aufschlussreiche Interview !

Datum Interview: November 2019